Cybermobbing in Europa 2026: Was Daten und Fachleute zeigen
Von Frankreich bis Großbritannien warnen NGOs und Lehrkräfte vor wachsender Online-Gewalt unter Jugendlichen. Gleichzeitig geht Europa von Warnungen zu Altersgrenzen und Entscheidungen gegen Plattformen über.
Gepostet am
November 4, 2026

illustration adolescent et cyberharcelement
Der digitale Schulhof ist kein Randthema. Er ist der Ort, an dem sich das soziale Leben junger Menschen abspielt. Überall in Europa schlagen Anti-Mobbing-Organisationen Alarm: Die letzten Jahre haben neue Taktiken, jüngere Opfer und eine kräftige Portion plattformgetriebener Aggression gebracht. Der erste Donnerstag im November ist der Internationale Tag gegen Gewalt und Mobbing in der Schule, einschließlich Cybermobbing der UNESCO. Zeit für eine Bestandsaufnahme.
Cybermobbing hat in Europa an Reichweite und Komplexität gewonnen. Jede:r sechste Jugendliche in Europa (15%) war bereits betroffen, so die jüngste Studie der Weltgesundheitsorganisation. Die Werte liegen bei Jungen (15%) und Mädchen (16%) nah beieinander. 2018 waren es noch 12% und 13%.
Die Beratungsstellen bestätigen das Bild. 2025 war Cybermobbing der häufigste Grund, aus dem sich junge Menschen an das EU-Netzwerk Insafe wandten, mit 15% aller Kontakte, wie der Jahresrückblick 2025 von Better Internet for Kids zeigt. Im ersten Quartal 2026 ging es bei knapp 13% der über 17.000 Kontakte, die 27 Beratungsstellen in 26 Ländern erreichten, um Cybermobbing. Fast die Hälfte der Fälle (47%) spielte sich in sozialen Medien ab, 42% in Messenger-Apps.
Die Folgen sind gravierend und gut belegt: mehr psychische Erkrankungen bei Kindern, Selbstverletzung, Suizid und körperliche Gewalt.
Auch die politische Stimmung hat sich gedreht. In den vergangenen zwölf Monaten hat das Europäische Parlament ein Mindestalter von 16 Jahren für soziale Medien gefordert. Die Europäische Kommission hat TikTok vorgeworfen, mit seinem suchtfördernden Design gegen EU-Recht zu verstoßen. Und Frankreich hat ein Social-Media-Verbot für unter 15-Jährige beschlossen und kurz darauf wieder verloren.
Das Wichtigste in Kürze
- Cybermobbing nimmt in Europa weiter zu. Jede:r sechste Jugendliche hat es erlebt, und 2025 war es der häufigste Grund für Kontakte junger Menschen mit EU-Beratungsstellen.
- Aus Cybermobbing wird Cybergewalt. Belästigung umfasst heute öffentliche Bloßstellung, Doxing und gezielte Ausgrenzung, weit über Mobbing zwischen zwei Personen hinaus.
- Europa geht von Warnungen zu Regeln über. Brüssel hat ein EU-weites Mindestalter für soziale Medien vorgeschlagen und TikToks Design auf Grundlage des Digital Services Act beanstandet. Fachleute warnen jedoch, dass Gesetze allein mit der digitalen Kultur nicht Schritt halten.
- Eltern und Lehrkräfte sind entscheidende Verbündete. Offene Gespräche, gemeinsame Zeit online und Empathie schützen Kinder besser als Verbote.
Creator können eine starke Stimme für Veränderung sein. Kampagnen wie „Beyond Profiles“ von Cybersmile und Forschung der Universität Tilburg zeigen: Creator, die persönliche Geschichten teilen, können Stigmatisierung abbauen, Empathie fördern und junge Zielgruppen erreichen, an denen offizielle Kampagnen oft vorbeigehen.
Von Cybermobbing zu Cybergewalt: ein größeres, komplexeres Problem
Innerhalb weniger Jahre hat sich der Schaden, den Kinder online erleiden, von Cybermobbing unter Gleichaltrigen zu einer breiteren und dunkleren Kategorie entwickelt: Cybergewalt.
Der Unterschied ist wichtig. Er zeigt, wie weit digitale Gewalt inzwischen über Beleidigungen und Ausgrenzung hinausgeht.
Cybergewalt umfasst die Konfrontation mit gewalttätigen oder sexuellen Inhalten, Bloßstellung im Netz und manipulative Trends. Neben den direkten Täter:innen steht der Feed selbst. Er liefert einen stetigen Strom unangemessener Inhalte, mit denen junge Menschen nicht umgehen können.
In Frankreich hält Nora Fraisse, Gründerin der Anti-Mobbing-Organisation Marion la Main Tendue, diese Unterscheidung für entscheidend, um zu verstehen, was Kinder online erleben.
„Cybergewalt bedeutet, gewalttätigen, unangemessenen oder schockierenden Inhalten ausgesetzt zu sein. Das kann schaden, auch wenn niemand dich direkt ins Visier nimmt“, sagt sie. „Cybermobbing ist gezielte Aggression. Du weißt, wer dahintersteckt, auch wenn sich die Person hinter einem Pseudonym versteckt.“
Fraisse spricht von einer „massiven Absenkung des Expositionsalters“. Schon Zehnjährige stoßen regelmäßig auf Inhalte für Erwachsene und aggressives Verhalten im Netz, oft ohne zu verstehen, was sie da sehen.
„Kinder konsumieren Inhalte, die von Erwachsenen für Erwachsene gemacht sind. TikTok gehört zu ihrem Alltag. Das Problem liegt in der Art der Inhalte, die sie sehen, nicht im Werkzeug selbst.“
In Spanien beobachtet die Spanische Vereinigung zur Prävention von Mobbing an Schulen (AEPAE), wie sich Cybermobbing unter Kindern verschärft. Was früher in öffentlichen sozialen Netzwerken stattfand, hat sich in private Gruppenchats auf WhatsApp, Discord und Telegram verlagert, wo Erwachsene kaum hinschauen. Daten der EU-Beratungsstellen bestätigen das: Anfang 2026 spielten sich 42% der Cybermobbing-Fälle in Messenger-Apps ab.
„Wir sind von vereinzelten Beleidigungen zu gezielter Ausgrenzung übergegangen“, sagt Ana Mª Giménez Gualdo von der Universität Málaga. „Heute sehen wir manipulierte Bilder, Gerüchte und etwas, das wir Cyber-Klatsch nennen: Falsche Geschichten verbreiten sich schneller, als die Wahrheit es je könnte.“
Die britische Cybersmile Foundation unter der Leitung von Scott Freeman sieht dieselbe Entwicklung, sowohl in der Sprache junger Menschen als auch in der Form, die Grausamkeit online annimmt.
„Wir sehen heute mehr passives und indirektes Mobbing: Ausgrenzung, Ghosting, Bodyshaming über Filter und Kommentare“, sagt Freeman. „Die psychischen Folgen sind nicht weniger gravierend als bei offener Belästigung.“
Für Ivano Zoppi, Generalsekretär der italienischen Fondazione Carolina, deutet diese Entwicklung auf etwas Tieferes hin: die Gamification von Grausamkeit.
„Aggression im Netz ist zu Unterhaltung geworden, Teil des Dopamin-Kreislaufs aus Likes und Views. Die Grenze zwischen Spiel und Gewalt verschwimmt.“
Das Bild, das diese Fachleute zeichnen, zeigt einen Schaden, der oft unsichtbar und selten einfach ist. Es geht nicht mehr nur darum, was Kinder einander online antun. Es geht auch darum, was das Internet mit ihnen macht.
TikTok und die neuen Gesichter digitaler Gewalt
Als während der Pandemie Klassenzimmer schlossen und Schulhöfe verstummten, wurde TikTok zum Zentrum der Jugendkultur. Was als Plattform für Tanz und Comedy begann, ist heute der selbstverständliche soziale Treffpunkt für Millionen junger Europäer:innen. Identität, Zugehörigkeit und Bestätigung werden dort in Echtzeit ausgehandelt.
„Junge Menschen sind heute viel früher auf TikTok als früher“, sagt Fraisse. „Es ist Teil ihrer Routine geworden. Sie sind keine Creator mehr, wie früher auf YouTube. Sie konsumieren Content, und dieser Content kann extrem gewalttätig sein.“
Sie warnt, dass vieles, was auf TikTok kursiert, „von Erwachsenen für Erwachsene produziert, aber vor allem von Kindern konsumiert wird“. Wachsamkeit und Medienbildung seien deshalb unverzichtbar.
In Großbritannien haben 58% der 16- bis 24-Jährigen bereits Missbrauch im Netz erlebt, und 87% sagen, dass soziale Medien ihrer psychischen Gesundheit schaden. Das zeigt der Report „Digital Wellbeing 2025“ von Cybersmile.
„Plattformen, die auf visuelle Inhalte und Bestätigung durch Gleichaltrige setzen, wie Instagram und TikTok, gehen besonders häufig mit Problemen beim Körperbild und der psychischen Gesundheit einher“, sagt Freeman.
In Italien ist die Sorge dieselbe. „TikTok bereitet uns wegen der Geschwindigkeit und Viralität seiner Inhalte die größten Sorgen, vor allem weil gefährliche Challenges und Doxing zunehmen“, sagt Zoppi.
Die Forschung stützt diese Einschätzungen. Eine systematische Übersichtsarbeit zu 20 Studien über TikTok und die psychische Gesundheit von Jugendlichen kommt zu dem Ergebnis, dass intensive Nutzung mit höheren Angst- und Depressionswerten zusammenhängt.
In Großbritannien steigt der Smartphone-Besitz von 56% bei Zehnjährigen auf 83% bei Elfjährigen, so der Report „Children and Parents: Media Use and Attitudes“ 2026 der Medienaufsicht Ofcom. Mehr als die Hälfte (55%) der 8- bis 14-Jährigen hatte TikTok in den vier Wochen zuvor genutzt. Fast ein Viertel (23%) der 8- bis 17-Jährigen hatte im vergangenen Jahr gemeines oder verletzendes Verhalten erlebt, 47% davon in sozialen Medien.
Die WHO stellte außerdem fest, dass die problematische Nutzung sozialer Medien unter europäischen Jugendlichen von 7% im Jahr 2018 auf 11% im Jahr 2022 gestiegen ist. Ein Anstieg, der mit der höheren Bildschirmzeit nach der Pandemie zusammenhängt.
Für Lehrkräfte bringt diese Entwicklung tägliche Herausforderungen. „Lehrkräfte sind machtlos“, sagt Fraisse. „Sie haben keine Ahnung, was auf diesen Plattformen passiert. Ich sage ihnen: Legt euch Accounts an, schaut euch an, was eure Schüler:innen sehen, versteht ihre neue Sprache. Dabei entdeckt ihr auch die gefährlichen Challenges, die im Netz kursieren.“
Inzwischen nehmen die Regulierungsbehörden TikToks Design ins Visier. Im Februar 2026 kam die Europäische Kommission vorläufig zu dem Schluss, dass TikToks suchtfördernde Funktionen gegen den Digital Services Act verstoßen, darunter endloses Scrollen, Autoplay, Push-Benachrichtigungen und das Empfehlungssystem. Brüssel erklärte, TikTok müsse das grundlegende Design seines Dienstes ändern.
Im Juli 2026 legte die Kommission mit weiteren vorläufigen Ergebnissen nach: TikToks Konten für Minderjährige erfüllen die Sicherheitsanforderungen des Gesetzes nicht. Die Inhalte von Jugendlichen mit öffentlichem Konto kann jede:r sehen, auch außerhalb der Plattform. Und Videos von 16- und 17-Jährigen können über den „Für dich“-Feed an Fremde ausgespielt werden.
Das Europäische Parlament will noch weiter gehen. Am 26. November 2025 stimmten die Abgeordneten mit 483 zu 92 Stimmen für ein EU-weites Mindestalter von 16 Jahren für soziale Medien. 13- bis 16-Jährige sollen sie nur mit Zustimmung der Eltern nutzen dürfen. Die Abstimmung ist nicht bindend. Sie zeigt aber eine wachsende Überzeugung: Das Problem liegt weniger in einzelnen Videos als in Algorithmen, die darauf ausgelegt sind, Aufmerksamkeit zu binden.
„Gesunde Online-Gewohnheiten zu fördern heißt, digitale Kompetenz und Selbstwahrnehmung zu stärken, nicht Angst oder Schuldgefühle. Wir müssen jungen Menschen die Werkzeuge geben, um sich sicher in diesen Räumen zu bewegen“, sagt Freeman.
Europas politisches Dilemma: schneller reagieren als der Feed
Regierungen in ganz Europa tun sich schwer, mit einem Problem Schritt zu halten, das sich schneller verändert als jede Gesetzgebung. Alle Länder betrachten Cybermobbing und Online-Gewalt inzwischen als Fragen der öffentlichen Gesundheit. Die Antwort bleibt aber lückenhaft, zersplittert und zu oft reaktiv.
Frankreich hat Mobbing an Schulen, auch online, 2022 zur Straftat gemacht. Spanien hat seinen Plan de Convivencia Escolar um die Prävention von Cybermobbing erweitert. Italiens Gesetz 70/2024 hat das Cybermobbing-Gesetz von 2017 auf alle Formen von Mobbing ausgeweitet. Jede Schule muss nun eine verantwortliche Person für Mobbing benennen, einen internen Verhaltenskodex einführen und psychologische Unterstützung anbieten.
Weder Großbritannien noch die USA kennen einen eigenen Straftatbestand für Cybermobbing. Beide stützen sich auf allgemeine Gesetze zu Belästigung und Kommunikation. In Großbritannien müssen Plattformen Kinder seit 2025 vor schädlichen Inhalten schützen, einschließlich Mobbing. Andernfalls drohen Ermittlungen der Ofcom und Bußgelder. Die Regierung plant außerdem, soziale Medien für unter 16-Jährige ab Frühjahr 2027 zu verbieten. In den USA hat jeder Bundesstaat ein Anti-Mobbing-Gesetz. Der bundesweite Take It Down Act, der seit Mai 2026 durchgesetzt wird, verpflichtet Plattformen, ohne Zustimmung veröffentlichte intime Bilder binnen 48 Stunden nach einem gültigen Antrag zu entfernen. Umfassendere Bundesgesetze zum Kinderschutz sind noch nicht verabschiedet.
Das neue Konfliktfeld sind Alter und Zugang zu sozialen Medien. Australien hat im Dezember 2025 als erstes Land soziale Medien für unter 16-Jährige verboten. Regierungen von Großbritannien bis Dänemark und Spanien arbeiten an eigenen Grenzen. Nicht jeder Versuch hat Bestand: Frankreichs Verbot für unter 15-Jährige, im Juli 2026 beschlossen, wurde einen Monat später vom Verfassungsrat gekippt. Er hielt es für unverhältnismäßig und bemängelte fehlende Datenschutzgarantien bei der Altersprüfung.
Die EU will nun eine einheitliche Regel für alle 27 Mitgliedstaaten. Am 17. September stellte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den EU KIDS Act vor. Er würde Social-Media-Konten für Kinder unter 13 Jahren verbieten, von Eltern kontrollierte „Mini-Konten“ für 13- bis 15-Jährige schaffen, endloses Scrollen und Autoplay für Minderjährige untersagen und Bußgelder von bis zu 6% des weltweiten Umsatzes ermöglichen. Europäisches Parlament und Mitgliedstaaten müssen noch zustimmen.
Fachleute begrüßen die Fortschritte, sind sich aber einig, dass Gesetze allein den Schaden nicht stoppen werden. Zoppi warnt, dass die Politik oft auf Strafe statt auf Prävention setzt.
„Wir können dieses Problem nicht wegregulieren. Die Herausforderung ist kulturell, nicht nur rechtlich. Wenn wir nicht ändern, wie Kinder, Eltern und Schulen die digitale Welt leben, kommen die Gesetze immer zu spät“, sagt er.
Fraisse sieht in Frankreich dasselbe Muster. „Jede neue Tragödie bringt eine Welle der Emotionen und ein neues Gesetz. Wir müssen aber vom Krisenmanagement zur kontinuierlichen Bildung kommen. Prävention muss Teil des Alltags werden und nicht nur eine Kampagne einmal im Jahr sein.“
Spanien hat strenge Anti-Mobbing-Protokolle für Schulen eingeführt. Viele Schulen aktivieren sie aber erst, wenn der Schaden bereits angerichtet ist, sagt Giménez Gualdo von der AEPAE.
„Die Regeln existieren auf dem Papier, aber die Intervention kommt oft zu spät. Wenn Lehrkräfte reagieren, ist das Opfer schon isoliert, voller Angst oder sogar suizidgefährdet“, sagt sie.
Freeman sieht eine weitere Lücke: die fehlende europäische Zusammenarbeit. Der Digital Services Act sei ein Schritt in die richtige Richtung, weil er Plattformen zwingt, ihre Algorithmen zu prüfen und Risiken für Minderjährige zu bewerten. Transparenzberichte seien aber, so seine Warnung, „nur so nützlich wie die Maßnahmen, die darauf folgen“.
„Wir behandeln Cybermobbing immer noch als lokales oder nationales Problem, aber die Plattformen sind global. Wir brauchen gemeinsame Daten, einheitliche Unterstützung für Betroffene und eine gemeinsame Botschaft über Grenzen hinweg“, sagt er.
Eltern und Lehrkräfte: digitales Leben mit Empathie vermitteln, nicht mit Angst
Wenn sich alle Fachleute in einem Punkt einig sind, dann darin: Der Schutz von Kindern im Netz beginnt lange vor der Krise und selten allein durch Verbote. Die erste Verteidigungslinie bilden die Beziehungen rund um den Bildschirm, weit mehr als die Technik.
In ganz Europa versuchen Eltern und Lehrkräfte, die Balance zwischen Wachsamkeit und Vertrauen zu finden. Sie wollen begleiten, ohne zu überwachen, und schützen, ohne zu isolieren. Diese Spannung wächst, seit Altersgrenzen auf dem Tisch liegen: 64% der britischen Eltern sorgen sich, dass ihr Kind online gemobbt wird, so die Ofcom.
Der Rat der Fachleute ist eindeutig. Mit Kindern arbeiten, nicht gegen sie. Orientierung soll auf der Beziehung beruhen, nicht auf Repression. Eltern und Lehrkräfte können ihre Rolle nicht an Filter, Apps oder Gesetze abgeben. Sie müssen präsent, empathisch und konsequent bleiben.
„Familien schwanken oft zwischen totalem Verbot und völliger Freizügigkeit. Wir brauchen einen Mittelweg: Erziehung zu bewusster Nutzung. Das heißt, Erwachsene betreten die digitale Welt gemeinsam mit ihren Kindern, statt draußen zu bleiben“, sagt Zoppi.
Eltern und Lehrkräfte können die digitale Kultur also nicht länger vom Spielfeldrand aus beobachten. Sie müssen dorthin gehen, wo Kinder ihre Zeit verbringen.
„Zu verstehen, was dort passiert, ist entscheidend, um die eigenen Schüler:innen zu verstehen. Lehrkräfte sollten digital präsent sein, nicht um zu überwachen, sondern um in Verbindung zu bleiben“, sagt Giménez Gualdo.
Wenn Einfluss zu Empathie wird: Creator, die jungen Menschen das Gefühl geben, nicht allein zu sein
Eine Studie aus dem Jahr 2022 des slowenischen Safer Internet Centre ergab, dass sich 59% der Schüler:innen weiterführender Schulen mit Influencern vergleichen. Damit haben Creator eine echte Rolle im Kampf gegen Cybermobbing und Cybergewalt.
„Schaden im Netz hat heute ebenso viel mit Druck und Vergleich zu tun wie mit direktem Missbrauch“, sagt Freeman.
Influencer können online eine Brücke zwischen den Generationen schlagen. Sie übersetzen Themen wie Cybermobbing, Körperbild und psychische Gesundheit in eine Sprache, mit der sich junge Menschen identifizieren. Und sie können ihre Follower ermutigen, sich Hilfe zu holen oder den Mund aufzumachen. Gut gemacht, wird ein Creator so zu jemandem, der Community aufbaut.
Die Arbeit für digitale Sicherheit erkennt das zunehmend an. Statt nur Verhalten zu überwachen, binden Kampagnen Creator ein, um positive Normen im Netz zu prägen.
Forschung der Universität Tilburg in den Niederlanden zeigt: Kampagnen, die gemeinsam mit Creators und mit authentischen Geschichten aus der Peergroup entstehen, kommen bei 10- bis 18-Jährigen besser an. Sie helfen ihnen, Anti-Mobbing-Botschaften in ihren digitalen Alltag zu übernehmen.
Die Kampagne „Beyond Profiles“ der Cybersmile Foundation bat bekannte Influencer, persönliche Erfahrungen mit Cybermobbing und psychischen Problemen zu teilen. Sie erzielte über eine Million Videoaufrufe mit einer einzigen Botschaft: „Hinter jedem Profil steckt ein Mensch mit Gefühlen.“
„Junge Menschen brauchen digitale Mentor:innen, keine digitale Polizei. Wenn Erwachsene Neugier statt Angst zeigen, kommen Kinder viel eher auf sie zu, wenn etwas schiefläuft“, sagt Freeman.
Der Wandel ist deutlich. Influencer gelten nicht mehr nur als Teil des Cybermobbing-Problems. Sie sind vertrauenswürdige Stimmen, die die Lücke zwischen offiziellen Bildungsprogrammen und dem, was junge Menschen online tatsächlich erleben, schließen können.
So können Eltern und Lehrkräfte Kinder online unterstützen
Am Internationalen Tag der UNESCO gegen Gewalt und Mobbing in der Schule, einschließlich Cybermobbing, steht Europa vor der Aufgabe, Kinder auf die Technologie vorzubereiten und sie nicht nur vor ihr zu schützen.
- Gemeinsam entdecken. Leg zusammen mit deinem Kind Social-Media-Accounts an und lass dir die Creator, Trends und Challenges zeigen, denen es folgt. Neugier schafft Vertrauen.
- Früh und oft reden. Warte nicht, bis Probleme auftauchen. Sprich schon vor der Pubertät über Respekt im Netz, Empathie und Privatsphäre.
- Vorleben, was du erwartest. Kinder lernen durch Nachahmung. Zeig, wie verantwortungsvolles Posten, Zeitlimits und ein guter Umgang mit Emotionen aussehen.
- Informiert und sichtbar bleiben. Lehrkräfte sollten die Plattformen und den Slang ihrer Schüler:innen kennen. Digitale Kompetenz hilft, Risiken zu erkennen, bevor sie eskalieren.
- Dialog statt Strafe. Wenn etwas schiefgeht, konzentrier dich darauf, das Problem zu verstehen und zu lösen, statt das Handy wegzunehmen. Vertrauen wiederherzustellen wirkt besser als Angst.
Hier findest du Hilfe
Wenn du oder jemand, den du kennst, online belästigt oder gemobbt wird, gibt es Unterstützung:
- Frankreich: 3018 (e-Enfance/Association Marion la Main Tendue). Nationale Hotline bei digitaler Gewalt und Cybermobbing, kostenlos und vertraulich, sieben Tage die Woche. 3018.fr
- Frankreich: 116 006 (France Victimes). Allgemeine Opferhilfe, auch bei Mobbing und Missbrauch im Netz. france-victimes.fr
- Großbritannien: Childline (0800 1111). Rund um die Uhr erreichbare Hotline für Kinder und Jugendliche bei Mobbing, Cybermobbing und Schaden im Netz. childline.org.uk
- Deutschland: Nummer gegen Kummer (116 111). Bundesweites Kinder- und Jugendtelefon mit Beratung zu Mobbing, Cybermobbing und Problemen in der Familie. nummergegenkummer.de
- Deutschland: Internet-Beschwerdestelle. Meldestelle für illegale oder jugendgefährdende Online-Inhalte, darunter Hassrede und Belästigung. internet-beschwerdestelle.de
- Spanien: Fundación ANAR (900 202 010). Kostenlose, vertrauliche Hotline für Kinder und Jugendliche bei Mobbing oder Missbrauch im Netz. anar.org
- Spanien: INCIBE-Hotline für Cybersicherheit (017). Nationale Hotline bei Bedrohungen im Netz, Identitätsdiebstahl und Cybermobbing. incibe.es
- Italien: Telefono Azzurro (1 96 96). Nationale Kinderschutz-Hotline für Betroffene von Mobbing, Sexting und Cybergewalt. azzurro.it
- Niederlande: De Kindertelefoon (0800 0432). Hotline für Kinder und Jugendliche mit Beratung zu Mobbing und Sicherheit im Netz, per Telefon und Chat. kindertelefoon.nl
- Belgien: Child Focus/Stop Cyber Hate (116 000). Nationale Hotline für vermisste und ausgebeutete Kinder, auch bei Cybergrooming und Mobbing im Netz. childfocus.be
- Schweden: BRIS (020 50 50 50). Kinderrechts-Hotline mit Beratung per Telefon, Chat oder E-Mail zu Mobbing und psychischer Gesundheit. bris.se
- Dänemark: BørneTelefonen (116 111). Kostenlose, vertrauliche Hotline für Kinder und Jugendliche zu allen Themen, auch Cybermobbing. bornetelefonen.dk
- Norwegen: Kors på Halsen (800 333 21). Anonyme Hotline für junge Menschen bei Mobbing, digitaler Belästigung oder Einsamkeit. korspahalsen.no
- Finnland: MLL Lasten ja Nuorten Puhelin (116 111). Nationale Hotline des Mannerheim-Kinderschutzbunds mit Unterstützung bei Online-Risiken und Cybermobbing. mll.fi
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