Kannst du Studio Paillette vorstellen und eure aktuelle Influencer-Strategie erklären?
Zunächst ist wichtig zu verstehen, dass Studio Paillette zwei Geschäftsbereiche hat.
Der ursprüngliche Bereich ist die Modevermietung, also die B2C-Website, die aktuell online ist. Wir wählen Pieces von Runway-Shows oder besondere Highlights aus früheren Kollektionen aus. Es sind hochwertige Stücke, die bereits produziert wurden und ein zweites Leben verdienen.
Dieses Konzept hat ganz natürlich Talente angezogen. Sie leihen sich Pieces für Shootings, veröffentlichen Content und taggen die Marken auf Instagram oder TikTok. Wir haben gemerkt, dass dieser Content echten Mehrwert hat. So ist unser Influencer-Agentur-Modell entstanden, mit einer Website, die unser B2B-Angebot definiert und diese Woche live geht.
Ich beschreibe unser Modell oft als PR-Agentur 2.0.
Wir haben einen Showroom in La Caserne in Paris, einem nachhaltigen Fashion-Hub. Marken bringen dort einen Drop von 20 oder 30 Pieces vorbei. Die Talente kommen persönlich, leihen sich die Teile aus, stylen Looks und produzieren Content. Die Kollektionen werden nicht nach Marken präsentiert, sondern nach Themenwelten gemischt und stilistisch kuratiert. Das fördert die Kreativität.
Es gibt kein verpflichtendes Briefing. Die Talente sind vollkommen frei. Sie nutzen die Pieces als Ressource für ihre eigene kreative Welt. Sie posten nur, wenn sie möchten. Und wenn sie posten, taggen sie die Marken.
Wir liefern Marken also UGC und Sichtbarkeit auf engagierten Accounts.
Es ist kein Gifting. Die Pieces werden verliehen, kommen zurück, werden aufbereitet und gehen wieder in Umlauf. Marken müssen sich nicht um Versand, Retouren oder Nachverfolgung kümmern. Viele sagen uns, dass sie ihren Micro-Influence selbst organisieren, über Plattformen, mit Produktversand und internem Zeitaufwand. Gerade in der Mode, wo Produkte einen hohen Wert haben, bindet das viele Ressourcen.
Bei uns liefern sie eine Auswahl und wir übernehmen den Rest. Es ist tatsächlich ein One-Stop-Shop für Micro-Influence.
Dazu kommt eine starke nachhaltige Dimension. Nach ihrem Einsatz im Influencer-Showroom gehen die Pieces in die Mietboutique über. Dort schaffen sie weiten Wert, indem sie eine neue Kundschaft erreichen. In Frankreich wird ein gekauftes Kleidungsstück im Schnitt fünfmal getragen. Bei uns kann es 60- bis 70-mal getragen werden.
Ganz klar: Kund:innen kommen in erster Linie wegen der Mode. Aber sie schätzen es, Wunsch und Budget zu vereinen und dabei ihren CO₂-Fußabdruck zu reduzieren. Und genau das versuchen wir auch im B2B-Bereich: kreativen und effektiven Micro-Influence, gedacht in einer nachhaltigen Logik.
Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit KOLs?
Wir sind keine Talentagentur und nehmen keine Provision auf Kooperationen.
Talente kommen zu uns, weil sie eine kreative Ressource finden: neue Marken, neue Impulse, eine kuratierte Auswahl. Dazu kommt die modische Glaubwürdigkeit von Studio Paillette.
Die Gründerin Léa war Stylistin bei renommierten Modehäusern wie Marc Jacobs oder Balmain. Sie hat Fashion Design an der Parsons School in New York und an der Saint Martins School in London studiert. Studio Paillette wurde im Entrepreneurs-Programm des IFM inkubiert. Wir haben echte Legitimität in Art Direction und Trendkompetenz. Unser Instagram-Account wird stark verfolgt, auch von Talenten selbst.
Über die Zeit haben wir eine Community von rund 500 Talenten aufgebaut, die bereits im Showroom waren und Content veröffentlicht haben. Wir treffen sie persönlich vor Ort. Wir organisieren Events, Einladungen zu Fashion Weeks, Upcycling-Workshops und Shooting-Sessions. Es gibt ein echtes Community-Gefühl.
Manchmal bitten Marken uns, sie mit einem Talent für eine Paid-Kampagne zu verbinden. Dann stellen wir den Kontakt her. Aber das ist nicht unser zentrales Geschäftsmodell.
Wie stellt ihr sicher, dass die Markenwerte passen?
Wir kennen unsere Community. Manche Talente sind engagierte Künstler:innen, angehende Designer:innen, feministische Aktivist:innen oder Verfechter:innen von Slow Fashion. Wir wissen, wem wir was anvertrauen können.
Umgekehrt muss eine Marke auch bereit sein, ein Stück Kontrolle abzugeben, damit authentischer Content entstehen kann, fernab von stark standardisierten Formaten wie Face-to-Camera-Unboxings mit perfekt abgestimmtem Wording.
Wir stehen für ein Modell organischer, authentischer und kreativer Content-Produktion, mit höherem Engagement-Potenzial und langfristig nachhaltigeren, qualitativeren Business-Effekten.
Wie siehst du die Entwicklung des Influencer-Marktes in Frankreich?
Für mich ist klar, dass UGC immer wichtiger wird. Marken verlagern Budgets auf Micro-Influencer:innen, weil sie sehen, dass die Communities engagierter sind. Wir beobachten Engagement-Raten zwischen 7% und 10% bei unseren Talenten.
Es gibt auch eine Art Kapillaritäts-Logik: mehr Communities abdecken, mehr Touchpoints schaffen.
Ich sehe einen starken Trend zur Co-Creation von Content, der anschließend mit Paid Media verstärkt wird, wenn er organisch bereits gut performt.
Es wird viel über langfristige Beziehungen mit Creator:innen gesprochen …?
Ja, es gibt diesen Wunsch. Marken sprechen von Markenbotschafter:innen, Jahresverträgen, monatlichen Retainern. Aber in der Praxis ist das kompliziert.
Budgets schwanken. In der Mode gilt: Verkauft sich eine Kollektion gut, ist Budget da. Verkauft sie sich schlecht, wird gekürzt. Mittelgroße Marken haben unregelmäßige Zyklen.
Große Häuser können Vierjahresverträge mit drei VIPs abschließen, aber dafür braucht es eine solide finanzielle Basis.
Außerdem fällt mir immer wieder auf, wie schnell manche Macro-Influencer:innen von einer Strickmarke zur nächsten wechseln. Da stellt sich schon die Frage, wie die Community das wahrnimmt.
Auf unserer Ebene ermutigen wir Marken, Beziehungen über Zeit aufzubauen. Wenn sie etwa während der Fashion Week ein Event planen, empfehlen wir, mehrere Monate vorher im Showroom präsent zu sein, damit die Community die Produkte wirklich integriert. Sonst sieht man oft: Talent kommt, macht ein Foto, nimmt ein Piece mit und geht nach 15 Minuten.
Wenn wir ein Event organisieren, bleiben die Talente. Sie reden, sie tanzen, es entsteht echte Atmosphäre.
Wie geht ihr an die Messung von Influencer-Performance entlang des Funnels heran?
Marken haben legitime Erwartungen an Performance und Sales-Impact.
Aber Influencer Marketing wirkt vor allem im Upper Funnel: Awareness, Consideration, Image. Wenn du den oberen Teil des Funnels nicht bespielst, kommt unten niemand an.
Affiliate ist ein Trend, aber in der französischen Mode wird das schnell als zu kommerziell wahrgenommen. Getrackte Links in jedem Post passen nicht wirklich zu unserer DNA oder der unserer Talente.
Dennoch haben wir interessante Indikatoren. Eine dänische Marke hat uns berichtet, dass der Traffic aus Frankreich in ihrem Online-Shop seit Beginn der Zusammenarbeit um 85% gestiegen ist.
Wir beobachten auch das Wachstum der Social Communities der Marken. Größere Marken nutzen Brand-Lift-Tools, aber das liegt nicht direkt in unserem Verantwortungsbereich.
Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten Herausforderungen und Chancen für die Zukunft?
Im Fashion- und Lifestyle-Bereich sehe ich großes Potenzial in der digitalen Verstärkung physischer Events.
Marken investieren enorm in Runway-Shows, Messen und Präsentationen. Aber die digitale Amplification bleibt oft hinter den Möglichkeiten zurück.
Wir statten Talente aus unserer Community aus und schicken sie zu Shows. Sie erstellen Content davor, währenddessen und danach. So vervielfacht sich der Impact einer bereits getätigten Investition.
Künstlich produzierter Content ist teuer. Ein physisches Event hingegen ist bereits reichhaltiges, authentisches und begehrenswertes Rohmaterial.
Große Modehäuser machen das sehr gut. Mittelgroße Marken haben hier noch deutliches Potenzial.