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Marken, die Twitch noch immer als Nischenplattform für Gamer:innen abtun, verpassen eines der engagiertesten und kaufbereitesten Publikumsfelder in Frankreich. Lucien Melki, Gründer von Jump Influence, und Cem Dagli, Influence Strategist bei Jump, erklären, warum sie von der Plattform überzeugt sind und wie Marken sie 2026 konkret aktivieren können.
Lucien Melki: Fangen wir mit den Stärken an, denn davon gibt es viele. In Frankreich war Twitch lange sehr stark auf Gaming ausgerichtet. Seitdem hat die Plattform enorm an Breite gewonnen und ist heute etwas völlig anderes. Sie ist ein Treffpunkt mit einem außergewöhnlichen, authentischen Engagement-Niveau.
TikTok ist hervorragend für Reichweite und Entdeckung. Aber es entsteht dort keine regelmäßige Verbindung zu einer Person. Ein:e TikToker:in postet ein Video, und man sieht diese Person womöglich drei Wochen lang nicht wieder, bis der Algorithmus den Content erneut ausspielt. Auf Twitch ist man täglich verabredet. Es läuft live, man spricht direkt mit der Community in Echtzeit. Es gibt ein Abonnement-System, bei dem die Community daran gewöhnt ist, Streamer:innen finanziell zu unterstützen, nicht um exklusive Inhalte zu erhalten, sondern einfach um Unterstützung zu zeigen. In Frankreich ist diese Art von freiwilliger finanzieller Unterstützung für Creator:innen wirklich ungewöhnlich. Auf Twitch existiert sie, weil die Zuschauer:innen den Menschen, denen sie folgen, wirklich zugetan sind. Das sagt viel über die Tiefe dieser Beziehung aus.
Cem Dagli: Ich würde noch hinzufügen, dass die Plattform immer weiblicher wird. Lange war sie sehr männlich geprägt, sehr Gaming-lastig. Aber Events wie Squeezie's GP Explorer haben ein viel breiteres und vielfältigeres Publikum angezogen. Twitch ist heute wirklich Lifestyle, und die inhaltliche Vielfalt ist inzwischen stark genug, um für fast jeden Anzeigentyp ein ernstzunehmender Kanal zu sein.
Lucien Melki: Wir haben zwei. Das erste dreht sich um Conversion. Wenn Marken ihre ersten Kampagnen auf Twitch starten, sind die Ergebnisse zu Beginn oft sehr stark, weil sie ein Neu-Publikum erreichen: Menschen, die kein klassisches Fernsehen schauen, die nicht auf Instagram aktiv sind und die auf TikTok nicht konvertieren.
Der Launch von Aroma Zone ist das beste Beispiel. Eine der beliebtesten Beauty-Marken in Frankreich, mit einem ganz konkreten Ziel: die männliche Kundschaft ausbauen. Auf Twitch haben sie eine außerordentliche Zahl an Neukund:innen gefunden. Und das Format war bemerkenswert: Streamer:innen haben über 45 Minuten lang offen und auf ihre eigene Art über die Marke gesprochen. Das ist eine ganz andere Dynamik als das, was man sonst sieht.
Das zweite Argument ist die kreative Freiheit. Auf Twitch kannst du ein Konzept von Grund auf entwickeln, mit Live-Interaktivität, Echtzeit-Games und echter Markennarration, und es anschließend als Kurzformat für Instagram, TikTok und als Highlight-Video für YouTube aufbereiten.
Lucien Melki: Zu kleinteilig zu denken funktioniert auf Twitch nicht, weil die absoluten Publikumsgrößen nicht mit denen auf YouTube oder TikTok vergleichbar sind. Aber es gibt etwas, das mit mittelgroßen Creator:innen sehr gut funktioniert, und das hängt mit unserer Plattform-Partnerschaft zusammen. Wir können Creator:innen auf der Twitch-Homepage platzieren lassen. Wenn du also jemanden hast, der oder die sehr überzeugend kommuniziert, sehr brand safe ist, aber kein riesiges Publikum hat, kannst du die Reichweite über den Discovery-Feed der Homepage deutlich steigern. Das gibt es auf keiner anderen Social-Media-Plattform. Das ist ein echter Vorteil.
Lucien Melki: Viele tun es über TikTok. Sie streamen kontinuierlich auf Twitch, schneiden Clips heraus und posten sie auf TikTok. Der Algorithmus ist unberechenbar: Ein:e Creator:in kann 100 Videos posten, und eines davon kann eine Million Views erreichen, was eine Welle neuer Follower:innen auf Twitch bringt. TikTok ist der Lead-Generierungs-Motor; Twitch ist der Ort, wo diese Leads konvertiert werden und wo die Community wirklich entsteht.
Für Kampagnen bedeutet das nicht, dass man beide Plattformen braucht. Man kann durchaus etwas Twitch-First aufbauen, ein Konzept mit echtem Produktionswert, das für sich allein steht. Für eine Marke, die an Instagram und TikTok gewöhnt ist, ist ein 360-Paket, das Twitch mit einer Kurzformatdeklinierung verbindet, oft beruhigender. Es schlägt eine Brücke zwischen dem Vertrauten und dem Neuen.
Lucien Melki: Die Metriken sind spezifisch für Live-Content. Der Spitzenwert gleichzeitiger Zuschauer:innen ist weniger aussagekräftig als die Gesamtzahl der Zuschauer:innen über die gesamte Stream-Dauer. Ein:e Streamer:in mit durchschnittlich 1k gleichzeitigen Zuschauer:innen über 8 Stunden kann zwischen 20k und 40k Zuschauer:innen insgesamt erreichen, weil sich die Menschen im Tagesverlauf ein- und ausloggen.
Die zweite Schlüsselmetrik ist die durchschnittliche Watchtime. Und hier liegt einer der überzeugendsten Vorteile von Twitch: Du kannst ein Markenkonzept entwickeln, das vier Stunden dauert, und die Zuschauer:innen schauen es tatsächlich vier Stunden lang. Das ist auf YouTube praktisch unmöglich. Squeezie würde dort nie ein Video machen, das einer Marke gewidmet ist, seine redaktionelle Linie lässt das nicht zu. Auf Twitch hingegen kannst du eine ganze Show rund um eine Marke aufbauen, Spiele und Gewinnspiele in Echtzeit veranstalten. Diese kreative Freiheit gibt es nirgendwo sonst.
Lucien Melki: Es gibt auf Twitch deutlich weniger Markenpartnerschaften als auf Instagram oder TikTok, was das Format noch frisch und ungesättigt hält. Die Audiences nehmen sie gut auf, solange sie intelligent umgesetzt sind: Der Chat ist aktiv eingebunden, Zuschauer:innen können mitmachen und etwas gewinnen.
Cem Dagli: Zuschauer:innen verstehen, dass Streamer:innen Partnerschaften brauchen, um davon leben zu können, und sie wollen, dass ihre Lieblings-Streamer:innen weitermachen können. Mehrere Sponsor:innen in einem einzelnen Stream zu haben sorgt nicht für Kontroversen, ganz im Gegensatz zu dem, was auf YouTube passiert. Und besonders im Gaming und Esport gibt es eine echte Kultur langfristiger Partnerschaften. Marken, die regelmäßig präsent sind und Teil der Geschichte werden. Es ist ein Umfeld, das authentische Präsenz belohnt.
Lucien Melki: Der Chat ist die Community, er ist das Verbindungsglied. Es gibt Streamer:innen, deren gesamtes Format auf „Just Chatting" basiert: kein Spiel, kein festes Thema, einfach stundenlang mit dem Publikum reden. Jemand erwähnt eine Neuigkeit, der oder die Streamer:in greift sie auf: „Hast du die Steuererhöhung gesehen? Was meint ihr dazu?" Und schon entsteht eine echte Community-Diskussion in Echtzeit. Diese Art von bidirektionaler Beziehung ist einzigartig auf Twitch.
Zur Toxizität: Anonymer Hass im Vorbeigehen ist auf Twitch viel seltener, weil Zuschauer:innen eine echte Verbindung zu dem oder der Streamer:in und untereinander spüren. Sie kennen die Person hinter dem Bildschirm, sie sind im Gespräch mit ihr. Aktive Moderation erledigt den Rest: Jede:r Streamer:in hat eigene Moderator:innen. Das schafft ein gesünderes Umfeld und ist einer der Gründe, warum wir mit NGOs auf Twitch zusammenarbeiten. Wir haben einen Charity-Livestream mit Médecins Sans Frontières gemacht, der sehr gut gelaufen ist.
Cem Dagli: Die Angst vor dem Live-Format ist real, und wir nehmen sie ernst. Unsere Aufgabe ist es, Vertrauen aufzubauen. Streamer:innen sind Profis: Auch bei komplexen oder sensiblen Briefings, zum Beispiel bei Kampagnen mit großen Banken, läuft es immer gut, weil im Vorfeld eine sorgfältige Vorqualifizierung stattfindet. Wir versuchen, pädagogisch vorzugehen und klar zu erklären, was passieren wird und warum.
Lucien Melki: Ja, Twitch lässt sich absolut mit einem begrenzten Budget testen. Das ist bereits passiert und es funktioniert.
Cem Dagli: Was man verstehen muss: Twitch ist weniger ein Social Network im klassischen Sinne als eine Media-Plattform. Auf Instagram und TikTok macht man Integrationen. Auf Twitch baut man Dinge: Shows, Panels, Konzepte, Erlebnisse. Das erfordert eine etwas andere kreative Denkweise. Wir arbeiten mit Marken wie Emma zusammen, deren Zielgruppe sehr familienorientiert war, sehr auf Mütter ausgerichtet, und die sich auf Twitch heute hauptsächlich an Männer und Gamer:innen richtet. Die Plattform hat dieses Transformationspotenzial, wenn man sie mit der richtigen Strategie angeht.
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